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Veröffentlicht am 9. September 2020

Institut für Geschichte des ländlichen Raumes

Wissensgeschichte der Sojabohne in Österreich, 1873–1950

Das Projekt untersucht die ereignisreiche Geschichte der ostasiatischen Sojapflanze in Österreich seit dem späten 19. Jahrhundert, und wieso sich Soja lange Zeit nicht als Innovation in der Landwirtschaft festsetzen konnte, obschon es gerade in Krisenzeiten immer wieder als Lösung bestehender Ernährungsprobleme diskutiert wurde.

Die Entwicklung verlief diametral zu der in den USA, wo Soja bereits in der Zwischenkriegszeit erfolgreich ins Agrarsystem integriert wurde. Dies wirft die Fragen nach den politischen, ökologischen, ökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen auf, die die Etablierung neuer Kulturpflanzen begünstigten oder entgegenwirkten. Um die Frage nach den Rahmenbedingungen zu untersuchen, wird im Rahmen des Projektes der wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskurs rund um die Sojabohne zwischen 1870 und 1950 systematisch erfasst und analysiert: von der Rezeption der ersten Feldversuche und deren Ergebnisse, über die Bewertung der verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten, bis zur gezielten Aneignung des generierten Wissens durch politisch-, sozial-, und ökonomisch-motivierte Gruppierungen. Die ostasiatische Kulturpflanze dient dabei als Prisma, um Verwissenschaftlichungs- und Innovationsprozesse als Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft historisch zu hinterfragen.

In den letzten 150 Jahren hat sich Österreich zu einem bedeutenden Produzenten und Händler von Sojabohnen entwickelt. Die ostasiatischen Kulturpflanze hat sich aufgrund ihres hohen Fett- und Proteinanteils einen festen Platz im globalen Ernährungssystem errungen. Seit Ende der 1980er-Jahre hat sich die Anbaufläche von Soja in Österreich mehr als verzwanzigfacht. Österreich zählt mittlerweile zu den bedeuteten Sojaproduzenten in der EU. Ein Großteil der angebauten Feldfürchte kommt allerdings als Futtermittel in der Massentierhaltung zum Einsatz und wird nicht in direkter Form von Menschen konsumiert. Aus diesem Grund wird der großflächige Anbau von Soja oft im Kontext umweltschädigender Praktiken gesehen. Auf der anderen Seite sehen alternativen Bewegungen Soja als ein zentralen Bestandteil nachhaltigerer, fleischloser Ernährungsweisen. Dieses Paradoxon, in dem Soja sogleich als Urheber wie auch als Lösung des Problems stilisiert wird, ist ein essentieller Bestandteil der Geschichte dieser Kulturpflanze.
Obwohl die Habsburgermonarchie ein Vorreiter der frühen Sojaforschung in Europa war, zeichnete sich lange Zeit nicht ab, dass die Pflanze einmal zu einem der meistgehandelten Agrargüter weltweit werden würde. Lange Zeit fristete Soja ein Nischendasein als botanische Kuriosität, bevor die Pflanze Ende der 1980er-Jahre ihren weltweiten Siegeszug antreten sollte.


Projektleitung:
Prof. Dr. Ernst Langthaler (Institut für Geschichte des ländlichen Raumes (IGLR), St. Pölten / Johannes Kepler Universität, Linz)


Kontakt:
Maximilian Martsch (Institut für Geschichte des ländlichen Raumes (IGLR), St. Pölten / Johannes Kepler Universität, Linz)      
Email: maximilian.martsch@ruralhistory.at


Kooperationspartner:
- Forschungsverbund „Nahrung und Ungleichheit“ innerhalb des Forschungsnetzwerks Interdisziplinäre Regionalstudien (first)
- Kommission für Interdisziplinäre Ökologische Studien (KIÖS) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften